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Von Sylt ins Südburgenland

Von Sylt ins Südburgenland

„Von Sylt ins Südburgenland“ ist vielleicht einer der häufigsten Sätze, welchen du bisher im Zusammenhang mit uns gehört hast, oder hören wirst. Aber was genau bedeutet es eigentlich? Was und wo ist Sylt? Wieso dort, und warum jetzt hier? Wir möchten dich mitnehmen in eine kleine Zeitreise unserer persönlichen Vergangenheit. Hier geht es jedoch nicht um unseren beruflichen Werdegang, denn darüber haben wir bereits berichtet, es geht vielmehr um unsere private Wurzeln und unserer aufregenden Reise, warum wir uns für das Leben in Güssing entschieden haben.

Da eine Menge Text zusammen gestellt wird, hast du die Möglichkeit, diesen als Audio anzuhören und/ oder zu den Kapiteln zu springen.

Unser Leben auf und vor der Insel Sylt

Mein Leben begann tatsächlich auf der Sylt. Sylt ist eine Insel in der Nordsee, der nördlichste Punkt Deutschlands. Sylt ist bekannt für seine weißen Sandstrände mit blau-weiß-gestreiften Strandkörben, rauen Wellen auf der Westseite, sanften Gewässern auf der Ostseite, viel Heidelandschaft, Dünen und die reetgedeckten Häuser (welche hier dem Kellerstöckl ähneln). Auf Sylt stehen die teuersten Immobilien des Landes und Prominente fühlen sich dort zuhause. Westerland ist die Hauptstadt der Insel und mit Zug erreichbar. In List kann man mit der Fähre anreisen und von Hörnum aus mit dem Schiff die Wasserwelt erkunden. Sylt ist somit insbesondere für Touristen und die gehobene Gesellschaft interessant. Der klassische Arbeiter wohnt oftmals auf dem Festland und pendelt täglich auf die Insel.

Im Westerländer Krankenhaus erblickte ich dort das Licht der Welt. Eingebettet zwischen Dünen und rauer Nordsee wurde ich auf einer Insel geboren, die auch als „Insel der Reichen und Schönen“ bezeichnet wird. Hier dominiert Gerüchten zufolge Luxus und unbezahlbares Wohnen. Ob das stimmt? Wir werden es im Laufe der Zeilen noch durchgehen. Für mich als Kind war jedenfalls der Luxus und der Status nicht wichtig, auch wenn ich mehr oder weniger davon profitierte und sich mein Empfinden ein wenig im Laufe der Zeit änderte. Ich habe es in meiner Kindheit sehr genossen, dort viel Zeit verbringen zu dürfen. Insbesondere meine Großeltern haben mich dort ordentlich austoben lassen. Sylt ist ein wahres Naturparadies, wenn man sich abseits der Hauptmetropole des Westerländer Hauptstrandes aufhält. 

Die unendlichen Weiten der Strände, weißer Strandsand, so weich und sauber. Und das Wasser faszinierte mich und meine Familie mit seiner Ebbe und Flut und seinen Meeresbewohnern. Bei Ebbe war der Sand an Wassernähe so trittfest, dass mein Opa mit mir und meiner Schwester Kugelbahnen baute. Ein Wettrennen der Golfbälle, die sich ihren Weg Richtung Wasser bahnten. Wer zuerst das Ziel erreichte, gewann etwas. 

Für eine Pause setzten wir uns in einen Strandkorb mit einem Eis, für damals wenige Pfennige am Kiosk gekauft. Aber nicht irgendein Strandkorb. Sondern im Garten meiner Großeltern. Oben auf einer Düne, mit Blick auf die Nordsee, vorbei an den Inseln Amrum und Föhr konnte man bei guter Sicht die Halligen erkennen. Der Leuchtturm war an Feiertagen besonders beleuchtet und unten am fußläufig gelegen Hafen besuchte diesen die Kegelrobbe Willi. Ja, richtig gehört. Eine wild lebende Kegelrobbe hatte den Luxus der Menschen kennen und lieben gelernt. Die Touristen kauften nebenan Fisch, um diesen an Willi zu verfüttern. Ein Highlight, dessen Fotos zahlreiche Fotoalben schmückte. Im selben Hafen, hinten bei den Privatanlegern, hatten meine Großeltern ein eigenes kleines Boot. Mit diesem fuhren wir regelmäßig. Mitten aufs Meer, wo wir den Anker ins Wasser fallen ließen, auf den sanften Wellen schaukelten und mit Picknick die Sonne genossen. Etwas unheimlich empfand ich eines Tages die Wasserhose, die den mitreisenden Männern hingegen aufregend und spannend gefiel.

Zu den Golfplätzen fuhr ich regelmäßig mit. Ich verdiente mir ein kleines Taschengeld, indem ich verschollene Bälle im Gebüsch suchte. Aber auch eigene Abschläge durfte ich machen. Die Liebe zum Golf habe ich trotzdem irgendwie nie gefunden, aber ich denke gern an die Zeit zurück.

Wir gingen oft spazieren, zwischen der blühenden Heide, durch das liebevoll bezeichnete Wäldchen oder durch andere Orte der Insel. Manchmal wartete ich am Strand, während meine Familie mit ihrem eigenen Catamaran unterwegs war oder ich ihnen beim Surfen zuschaute. Um selbst dabei zu sein fehlte mir jedoch ein Stück Mut.

Die Winter waren traumhaft. Die Nordsee gefror zum Teil, sodass die Wellen riesige Eisschollen ans Ufer schoben. Es lag reichlich Schnee, sodass ich den Luxus genießen durfte, auf dem Schlitten mich ziehen zu lassen, welcher an ein Auto gebunden über die riesigen Parkplätze gezogen wurde. Die kleinen Gewässer zwischen den Dünen waren gefroren. Spiegelglatte Fläche ergaben Schlittschuhbahnen ganz für uns allein. Touristen waren lieber in warmen Ländern unterwegs, während wir hier das Winterfeeling genossen.

Meine Zeit auf Sylt bleibt mir in schöner Erinnerung.

Im Laufe der Zeit änderte es sich jedoch. Ich merkte, dass Sylt eben auch nur eine Insel ist mit ihren Grenzen. Wenn man aufhört, einfach nur Spiel und Spaß im Fokus zu haben, wird das Inselleben irgendwie anstrengend. 

Im Jahr 2003 begann ich dort meine Lehre zur Konditorin und somit startete mein offizielles Arbeitsleben. Ich empfand diese Zeit als sehr anstrengend. Überstunden, Fleiß, saisonale Unterschiede, die überfüllten Busse im Sommer, …. und irgendwie sehnte ich mich nach einer eigenen Familie. Ich hatte keine Freunde und auch wenn meine Familie es immer gut mit mir meinte, ist es eben nicht das selbe. Ich wollte mehr sehen als nur Wasser und Dünen. Sonne und Wald zum Beispiel. Denn einerseits hatte ich bemerkt, dass meine Kindheit viel reicher mit Sonnenschein und Sommertemperaturen beschenkt war, andererseits es auch nicht so leicht war, die Insel zu verlassen. Je älter ich wurde, desto mehr nervte mich der zunehmende Anteil an Wolken. Die Sommer waren nicht mehr so warm, die Sonne schien weniger Stunden, im Winter gabs hingegen keinen Schnee, kein Eis und keine Eisschollen. Die kleine Eisbahn in Westerland, die als Zwischenlösung durchaus in Ordnung war, wurde irgendwann abgeschafft, weil die Winter einfach zu warm dafür waren. Das Salz des Meerwassers störte mich auf meiner Haut und zwischen Krebsen und Quallen empfand ist das Baden in der kalten Nordsee nicht mehr entspannend.

Ich war sehr oft traurig. Allein am Strand zu spazieren, die Gedanken wieder frei pusten zu lassen vom rauen Wind, das war schon ganz angenehm. Mein einziger Spaßfaktor war meine Liebe zum Tanzen. Klassischer Paartanz erfüllte einen neuen Platz in meinem Herzen. Viele Stunden pro Woche genoss ich die Bewegung zur Musik, bis hin zu Tanzturnieren, auch wenn diese nicht von Erfolg gekrönt waren.

Ich fühlte mich einsam, im falschen Beruf, am falschen Ort. Obwohl ich wohl behütetes Umfeld hatte, ging es von nun an nur noch um Leistung. Ich musste in der Ausbildung hart arbeiten und da das Geld für meine FeWo nicht reichte, arbeitete ich in meiner Freizeit mit. Ich putzte Ferienwohnungen, um irgendwie über die Runden zu kommen und der einzige Luxus, den ich mir neben dem Tanzen gönnte, war die Telefonkarte, um von der Telefonzelle aus mit meiner Mutter telefonieren zu können, zu welcher ich nach Scheidung meiner Eltern den Kontakt mehr oder weniger verboten bekam.

Trotzdem war die Insel nichts mehr für mich. Zur Berufsschule musste ich mit dem Zug runter nach Lübeck reisen. Die einzigen Tage, wo ich die Insel verließ und meinen Horizont hätte erweitern können. Doch als introventierte Persönlichkeit nutzte ich diese Freiheit nicht wirklich. Nach der Berufsschule besuchte ich meine Familie, anstelle bei Kollegen im Internat unterzukommen. Dort verkrümelte ich mich in mein Zimmer, lernte für die Klassenarbeiten und ging pünktlich schlafen. Ich fragte mich, ob das alles ist. Ist das das Leben eines Erwachsenen? Unglücklich zu arbeiten, um sich nach der Arbeit zu erholen, um dann wieder arbeiten zu gehen? Geld verdienen, um sich eine Wohnung zu leisten, welche man nur benötigt, um nach der Arbeit sich traurig ins Bett zu legen? 

Eines Tages änderte sich mein Leben. Es dauerte jedoch, eher ich das wirklich begreifen konnte. Einige von euch haben diese Geschichte schon oft gehört, da Norman, also mein heutiger Ehemann, sie immer wieder gern erzählt.

Ich war mal wieder auf dem Weg zur Berufsschule. Umsteigen musste ich, wie immer, am Hamburger Hauptbahnhof, wo ich mehr als 30min. Wartezeit hatte. Da ich Durst hatte, ging ich zu McDonalds, um mir eine Cola zu gönnen. Cola, … für mich ein wahrer Luxus in einer Familie, wo eine eher dünne Körperstatur extrem wichtig ist und so etwas wie Cola nicht gern gesehen wird. Nach dem Bezahlen holte ich mir aus der Sammelbox einen Strohhalm. Ja, damals gab es noch diese Plastikdinger, womit das Trinken mehr Freude bereitete als die komischen Pappteile oder der vollständige Verzicht heutzutage. Jedenfalls saß direkt neben dieser Strohhalmstation eine ehemalige Bekannte, sie hatte meinen Ausbildungsbetrieb vor einiger Zeit  vorzeitig verlassen.

In der Berufsschule war das Getuschel meiner Klassenkameraden plötzlich groß. Es war die Rede von einem Jungen, der wohl unbedingt meine Telefonnummer haben wollte. Keine Ahnung, wovon die Leute redeten, aber da ich mich als absoluten Langeweiler sah, quasi eine unsichtbare Gestalt im riesigen Universum, nahm ich es nicht so ernst. Irgendwann erzählte mir meine Schulfreundin, sie habe meine Nummer weiter gegeben. Oh wie habe ich sie verflucht in diesem Moment. Sie weiß doch, dass niemand meine Nummer haben darf und ich telefonieren sowieso nicht mag.

Nun ja, eines Tages bekam ich dann etliche Anrufe. Ich ging nicht ran. Ich kenne diesen Typen nicht und was soll ich schon erzählen? Und wie kann er mich mögen, wenn wir uns gar nicht kennen? Höchst fragwürdig. 

Nun ja, so ging es etliche Male und nach einigen Sms (ja, damals gab es noch kein WhatsApp) telefonierten wir dann doch. Er arbeitete auf einer anderen Insel und machte dann sein Praktikum in meinem Betrieb. Nun, es war schon ziemlich nervig, dass er ständig an meinem Hosenzipfel hing, anstelle mich arbeiten zu lassen und seine Arbeit zu erledigen. Mich wundert tatsächlich, dass er einen Ausbildungsplatz bekam und somit fest zum Team gehören durfte. 

Es hat ein halbes Jahr gedauert, ehe aus uns ein Paar wurde. Doch es hat sich gelohnt. Wir bezogen eine gemeinsame kleine Wohnung in Westerland. Ich konnte von nun an zu Fuß zur Arbeit gehen und mit dem Fahrrad zum Einkaufen. Und doch waren wir weiterhin gefangen und die Wohnungen auf Sylt wirklich sehr teuer. Um die Insel zu verlassen, ist man eben angewiesen auf den Zug. Und der ist zur Saison überfüllt, wenn er denn überhaupt und pünktlich abfährt. Und während Norman gern Zeit am PC verbrachte, fühlte ich mich bei meinem Wunsch, gemeinsam an den Strand zu gehen, wieder allein und einsam. Von wegen, romantische Abendstunden bei Sonnenuntergang am Wasser, …. so nah die Möglichkeit, und so fern die Umsetzung. Ich hatte eine Saisonkarte für den Strandbesuch, doch als Erwachsene war ich nie so selten dort wie in meiner gesamten Kindheit, wo ich gefühlt schon fast auf dem Sand gewohnt habe.

Wir liebten uns, und doch trennte uns einiges. Wir waren auf der Suche, wie sich unsere Stärken und Schwächen verbinden können. 
Wir beschlossen, auf das Festland zu ziehen. Und so bezogen wir eine größere Wohnung für weniger Miete, um täglich mit dem Zug auf die Insel zu pendeln. Doch verschiedene Umstände führten dazu, dass das Leben doch nicht so einfach war und meine Großeltern uns durch einen Hauskauf auf der Insel unterstützen wollten. Und so zogen wir zurück auf die Insel. Kaum zu glauben, in welch luxuriösen Genuss wir kommen durften. Ein eigenes Haus mit Garten, fußläufig vom Strand entfernt. Das war unser neues Zuhause. Wieder auf der Insel, aber unter anderen Voraussetzungen. Ich beendete während dieser Zeit meine Lehre zur Konditorin und wir erfüllten uns den Wunsch von Nachwuchs, unsere Tochter wurde im selben Sylter Krankenhaus geboren, wie ich, worauf wir sehr stolz sind. Zeitgleich aber merkten wir, dass Familie als Vermieter nicht so funktioniert und so zogen wir zurück aufs Festland. Wir blieben der Insel aber weiterhin treu, um dort zu arbeiten und auch viele der Arztbesuche dort erledigten.

Dieses Dasein führten wir viele Jahre so fort, wir heirateten, kauften ein Eigenheim, wurden zum zweiten mal Eltern und arbeiteten Vollzeit. Wir führten ein Leben, was man als sicher und bodenständig beschreiben würde. Wir hatten alles, was man so braucht. Ein schönes Haus, uns als Familie, sichere Arbeitsplätze, gutes Einkommen, zwei Autos, … Und doch fühlten wir uns immer noch nicht zuhause. Es fühlte sich zeitweise sogar so schlimm an, dass meine Verstimmung mich in eine Art BurnOut brachte. Unfähig, irgendetwas zu erledigen, endete mein erfolgloser Mutter-Kind-Kur-Aufenthalt in der Therapie. Acht Wochen lang stationär, sechs Wochen teilstationär. Danach kämpfte ich mich zurück in die Arbeitswelt, und wurde wieder rückfällig. Mein Arzt wies mich unmittelbar sofort in eine Klinik ein. Ein Willkommenssatz des Psychologen, der mich prägte „Sie haben doch alles, was Sie brauchen. Den Kindern in Afrika gehts viel schlechter„. Puh, das ist wie eine heftige Ohrfeige für mich. Ich zog die Therapie zwei Wochen lang durch und brach dann selbst ab. Andere können mir nicht helfen. Ich kann mir nur selbst helfen und mit diesem neuen Blick auf meine Probleme reflektierten wir uns.

Wir krempelten unser Leben um. Gingen auf innere und äußere Suche nach dem, was wir lieben und dem, was uns Energie raubt. Wir lieben die Sonne, wir lieben die Schokolade, ich liebe die Schildkröten, Norman liebt das Marketing. Wir hassen den ständigen Wind, die häufigen Niederschläge, die fehlende Sonne. Das flache Land mit seinen etlichen Windrädern ist nicht besser, wir wollen Wald und Hügel. Also beschlossen wir: Wir gehen an einen anderen Ort und nehmen mit, was uns gefällt. Nur was machen wir dort und wo gehts hin?

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